Gustl Mollath – ich glaub’s ja nicht…

…nachdem ich als TV-Ignorierer doch durch die inquisitorische Art und Weise, wie Frau Merk „interviewt“ wurde, auf diesen Fall aufmerksam geworden bin, habe ich mich dort eingelesen und mir gedacht, dass das ja alles wohl nicht wahr sein kann.

Für alle, die nicht wissen, worum’s geht, und auch überhaupt gar nicht nachvollzogen haben, wieso das da alles so kompliziert erscheint, hier die Cliffnotes, oder auch:

Akt I (2002)

  • Gustls Frau war bei der Bank und hat da Gelder in die Schweiz geschaufelt.
  • Gustl ist rechtschaffener Bürger und hat’s irgendwann leid gehabt und sie angezeigt – und die halbe Welt zusammen mit ihr – aber hierzu später noch mehr.
  • Gustls Frau rastet völlig aus und versucht mit allen möglichen Mitteln, ihren Noch-Mann zu schikanieren
  • Gustl steht u.a. unter Verdacht, seine Frau misshandelt zu haben, Krankenhausberichte über Prellungen und Co lagen vor, hier habe ich allerdings kein weiteres Schriftmaterial zu gefunden, von daher keine Ahnung, ob das nun sein Verdienst war, oder nicht. Vielleicht folgt noch’n Update, aber jetzt habe ich erstmal genug davon, denn den Kram von Gustl zu lesen ist ganz schön anstrengend, aber hierzu später ebenfalls mehr und auf zu:

Akt II

Die Bank hat das ganze ernster genommen als die Staatsanwaltschaft, hat die Vorwürfe von Gustl intern geprüft und ist in vielen Fällen zu dem Ergebnis gekommen, dass es tatsächlich solche tollen Umzüge in die Schweiz gegeben hat. Inwiefern das nun rechtmäßig ist/war, erschließt sich mir nicht – habe von dieser Form von Steuerhinterziehungsmodellen überhaupt keine Ahnung, aber ich glaube jetzt einfach mal der „Schwarmintelligenz“ (tolles Wort, Danke an Spiegel-Online dafür) und „kaufe“, dass dort Millionen in die Schweiz umgezogen wurden, um die Kohle in Deutschland nicht steuerpflichtig irgendwo auftauchen zu haben. Bericht hier: Revisionsbericht, Quelle SWR

Nun denn. Offensichtlich haben die einen Haufen Leute rausgeschmissen deswegen – aber:  manche wohl nur deshalb, weil sie Provisionen kassiert haben, um Kunden von der eigenen Bank an eine Schweizer Tochter weiterzuverkaufen. Anderen wurden wegen Verstoß gegen Das Geldwäschegesetz und diverser anderer Dinge gekündigt – völlig zurecht. Aber nehmen wir jetzt einfach mal an, dies wären alles illegale Geschäfte. Dem Bericht zur Folge scheint dies so zu sein, denn die Bank hat ein wenig Sorge, dass Gustl damit an die Presse geht um sein Wissen zu „verkaufen“, und seinen Anschuldigungen wird auch recht gegeben, was ja ebenfalls gegen seine „Paranoia“ spricht.

Zeitgleich schickt Gustl seine Bedenken allerdings an den halben Planeten. Herrn Stoiber hat er in seiner Liste auch nicht vergessen und es folgen zig weitere Namen, wo man sich verzweifelt an den Kopf fasst, warum er die mit auf den Verteiler nimmt. Näheres dazu in seinem Schriftwechsel mit allen möglichen Menschen, 2003-2005, Quelle: Gustl-For-Help.de

Akt III

Kein Mensch nimmt ihn ernst, außer der Bank, und die Bank will’s natürlich unter den Teppich kehren, selbst wenn das Unternehmen nur bedingt für die kriminellen Handlungen seiner Angestellten verantwortlich ist – schlechte Presse, unfassbar schlechte Presse. Gustl landet in 2004 für eine Woche in psychiatrischer Einzelhaft (siehe PDF Schriftwechsel) und schlussendlich wird er in einem Prozess für nicht strafmündig befunden und deshalb in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Frau Merk ist nach wie vor der Meinung, er wäre „gefährlich“.

Akt(uell)

Frau Merk lässt nun anscheinend das Verfahren wieder eröffnen. Was sicherlich sinnvoll ist. Der gute Gustl sitzt jetzt seit 2006 in der Gummizelle und langweilt sich dort in den Tod. Nur wär’s jetzt mal sinnvoll, wenn man mal die Fakten zusammen halten könnte und sich auf selbige beschränkt:

Denn:

Was wirklich wichtig ist:

  • Hat Gustl seine Frau misshandelt?
  • Hat Gustl Reifen anderer Leute zerstochen und damit deren Leben gefährdet?

Das hätte ich gerne mal untersucht, und zwar in einem Verfahren, das mit dem ganzen Schwarzgeldskandal nix zu tun hat, denn das ist ein großes Problem in diesem ganzen Verfahren. Es werden Dinge miteinander verdrahtet und in Betracht gezogen, die nix miteinander zu tun haben, und Gustl tut sich da selbst auch keinen Gefallen mit seinem Schreibstil. Der gute Herr kann meinetwegen den Reichstag niedergebrannt haben. Oder meinetwegen die Stadt Köln. Mir völlig egal. Aber wenn er doch sowas aufklärt, ist dies doch unabhängig davon zu untersuchen. In einem Land, wo man irgendeiner CD mit Steuerfahnderdaten nachläuft und dafür bereit ist, Geld zu bezahlen, wird sowas nicht näher untersucht? Aus diesem Grund die eigentlichen Fragen dazu, unabhöngig von obigem:

  • Hat er wirklich einen Skandal aufgeklärt?
  • Hat die Staatsanwaltschaft schlampig gehandelt, oder einfach nur absichtlich dumm, wie’s bei Beamten ja schonmal vorkommt. Und wenn letzteres, dann vorsätzlich, um ggf. den Freund vom Dorf oder sich selbst zu schützen, oder fahrlässig?
  • Was passiert nun mit dem Gustl?

Alles Fragen, die man sich stellen kann und auf deren Antwort ich sehr gespannt bin. Aber, was ich dazu einmal sagen wollte, nachdem ich jetzt einige Zeit damit verbracht habe, den ganzen Schriftverkehr durch zu arbeiten:

Fazit: Was lernen wir daraus?

Ich lerne aus diesem ganzen Wirrwarr folgende Dinge, denn das ist es im Endeffekt, was dem guten Gustl das Genick gebrochen hat.

  1. Beschränk‘ dich auf’s Wesentliche, wenn du was wichtiges zu sagen hast
    – die Ausführungen von Gustl sind unerträglich und in einem schrecklichen Schriftbild gehalten. Man muss sich teilweise durch ellenlange Vergleiche mit irgendwelchen Film-Szenen, historische Verweise, Zitate etc. durch wühlen, bevor er mal auf den Punkt kommt, was er überhaupt will.
  2. Lern‘ vernünftig Deutsch und  schreibe auch entsprechend
    – die Polemik ist unerträglich (und das von mir). Er liest sich wie irgendein Steinewerfer, der vor die S-Bahn gekettet nackt gegen Atommüll protestiert und mit Verbrennung von staatlichen Einrichtungen droht. Das tut er sehr sehr ungeschickt, indem er z.B. in einem Schreiben an einen Richter darauf verweist, dass irgendwann mal irgendein Terrorist seinen Protest dadurch bemerkbar gemacht hat, dass er sich in Berlin selbst in die Luft gesprengt hat. So kann’s gehen und so ist es für das Gericht ein leichtes, ihn in die Psychiatrie zu stecken.
  3. Such‘ dir die richtigen Kanäle für einen gezielten Angriff

Wenn ich sehe, wen der Typ alles anschreibt und in was für einem Schriftbild er das ganze verfasst (klein/groß/noch-größer/unfassbar-groß), werde ich bekloppt. Ein einziges Telefonat mit einem befreundeteten oder bekannten Anwalt, einem Journalisten, einem Menschen, der nicht wie ein Wahnsinniger wirkt – hätte gereicht. Davon bin ich überzeugt. Hätte er einfach nur in seinem Schreiben mit Anschuldigungen an die Bank einen Vermerk gesetzt wie

„Dieses Schreiben erhielt in Kopie der mit diesem Vorgang von mir beauftragte Rechtsbeistand. Die Staatsanwaltschaft ist bereits informiert. Weitere Schritte behalte ich mir vor.“

– so hätte das ganze sicherlich ein anderes – kürzeres – Ende genommen. So landet er, wie es scheint, zu unrecht, in der geschlossenen Psychiatrie. Weil er einfach – auf Deutsch gesagt – zu viel Scheiße geredet hat. Und das, obwohl er etwas sehr wichtiges, vernünftiges zu sagen hatte. Beamte können manchmal absolute Vollidioten sein. Ich kann mich nicht einmal davon freisprechen, dass ich ein Schreiben in von ihm nicht auch ignoriert – bzw. zumindest mit höchster Skepsis betrachtet hätte, allein der Schreibweise und des Schriftbildes wegen. Die Jungs bei der Staatsanwaltschaft in Nürnberg haben sicherlich einfach kopfschüttelnd alles weitere von ihm weg geschmissen. Würde mich nicht wundern.

Dass das schlichtweg falsch ist und so nicht sein darf, steht außer Frage. Aber hören wir an dieser Stelle mal auf, Symptome zu bekämpfen und arbeiten mit dem System. Wir halten uns an obige Punkte und machen dummen Menschen einfache Informationen leicht und sicher zugänglich, nutzen ggf. noch die Presse als Hebel und suchen uns professionelle Hilfe, um diese Information zu sichern und zu schützen, um nicht als wahnsinniger da zu stehen.

Und jetzt, da sowas idiotisches endlich mal passiert und aktenkundig ist, können wir langsam mal anfangen, reihenweise diese ganzen nichtsnützigen Idioten in den Ämtern und Kommunen raus zu schmeißen, die sich weigern, ihre Arbeit zu erledigen und dämlichen Abläufen und Anordnungen folgen, anstatt sich einfach mal von Profis beraten zu lassen, wie man vernünftig Prozesse optimiert, anstatt unseren Bürgern zweiseitige Formulare mit achtseitiger Ausfüllhilfe auszuhändigen (wenn ich acht Seiten brauche, um zwei Seiten zu erklären, liegt das Problem woanders… )

Ich hoffe, dass sich da bald ein wenig Lichts ins Rechtssystem rückt. Denn, wenn dieser ganze Gustl-Fall, so wie er im Moment von der Presse dargestellt wird, auch nur zur Hälfte der Wahrheit entspricht, sollten dafür nicht nur ein paar Köpfe rollen, sondern für die Zukunft vielleicht mal ein paar Möglichkeiten geschafft werden, entsprechend Köpfe rollen zu lassen anstatt die guten Beamten in ihrem unangreifbaren Sicherheitszentrum zu wissen, wo sie eh machen können, was sie wollen. Wenn es denn alles wirklich so sein sollte, hat Gustl seine Zeit zumindest nicht umsonst abgesessen.

Soviel von mir dazu.

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